Erfurt
Erfurt - zu Stein gewordene Geschichte
(Von PD Dr. Jürgen Kiefer)
Ein Stadtrundgang auf den Spuren von Bonifacius - Karl der Große - Otto I. - Otto II. - Friedrich I. Barbarossa - Meister Eckhart - Martin Luther - Philipp Melanchthon - Humanisten um Eobanus Hessus & Ulrich von Hutten - Adam Ries - Gustav II. Adolf & Marie Eleonore von Schweden - Familie Bach - Christoph Martin Wieland - Christian Gotthilf Salzmann - Johann Wolfgang v. Goethe - Friedrich Schiller - Alexander & Wilhelm von Humboldt - Napoleon I. - Alexander I. - u.v.a., so auch Till Eulenspiegel und Faust
Funde schon aus der Altsteinzeit und rund 8000 Jahre alte Siedlungsreste belegen die frühen Anfänge der Stadt, die später von den Hermunduren (1.-4.Jh.) bewohnt und ein Hauptort des Thüringer Königreiches (375-531) gewesen war. Mit der Bitte des Missionars und Erzbischof BONIFACIUS an den Papst ZACHARIAS um Errichtung eines Bistums in Erfurt beginnt im Jahre 742 die geschriebene Geschichte einer der ältesten mitteleuropäischen Städte. Am Kreuzungspunkt wichtiger europäischer Handelsstraßen wie z.B. der via regia (768 Ersterw.) oder der Nürnberger Geleitstraße gelegen und schon 805 von KARL DEM GROSSEN im Diedenhofener Kapitular zu einem Grenzhandelspunkt des Fränkischen Reiches bestimmt, nahm Erfurt einen schnellen Aufstieg zu einer der zehn größten deutschen Handelsmetropolen des Mittelalters. Eine Vielzahl hier durchgeführter Reichstage und Synoden, auch nach der kaiserlichen Schenkung des Ortes an das Erzbistum Mainz im Jahre 1000, zeigen die weltliche und kirchliche Bedeutung der Stadt und stellen sie immer wieder an den Schnittpunkt der deutschen Geschichte. Als frühe Messe- und Handelsstadt, insbesondere mit der Färbepflanze Waid (blau), erlangte sie Reichtum und Einfluß, dessen nachhaltigster Beleg wohl die 1268 beginnende Trennung von Mainz (bis 1664) und der Ankauf eines schließlich rund 900 km², Dörfer und Burgen umfassenden Landgebietes war. Aber auch die Errichtung (1392) der fünften Universität im Reich, die sich im ältesten deutschen hochschulähnlichen Studium ("studium erfordense", 13./14. Jh.) begründete und die im 15. Jh. zur größten dt. Universität und zum Zentrum des Humanismus aufstieg, war Ausdruck frühen bürgerlichen Selbstbewußtseins. Mit über 20 Klöstern und Ordenshöfen, rund 50 Kirchen und Kapellen sowie den Wachtürmen des doppelten inneren und des äußeren Mauerringes galt das türmereiche Erfurt ("Erfordia turrita") als das "thüringische Rom". Geographische Lage, zentrale Wissenschafts- und Handelsfunktionen - seit 1430 war der mittelalterliche Stadtstaat vorrübergehend auch Mitglied der Hanse (Goslarer Bund) - sowie ihre Aufgaben als "Gärtner des Reiches" (Luther) und ihr Ruf als uneinnehmbare Stadt machten Erfurt, das in einer "Schmalzgrube" lag (Luther), immer wieder als politischen Mittelpunkt attraktiv, so z.B. schon 1289 für Rudolf von Habsburg oder später für Gustav II. Adolf oder Napoleon I. Im Jahre 1664 verlor Erfurt schließlich seine Unabhängigkeit an das Erzbistum und Kurfürstentum Mainz, erlangte aber im 18. Jh. als Sitz der Academia Leopoldina und der Akademie nützlicher/gemeinnütziger Wissenschaften (1754) wieder wissenschaftliche sowie durch Gartenbau und Samenhandel wirtschaftliche Bedeutung, die weit über die dt. Grenzen hinaus strahlte. Das 19. Jh. sah 1802 die Eingliederung des Erfurter Gebietes in das Königreich Preußen und 1807 (bis 1813) vorübergehend in das französische Kaiserreich, erlebte 1808 den "Fürstenkongreß" sowie 1850 das "Unionsparlament" und brachte einerseits zwar die Schließung der Universität (1816), andererseits aber auch einen wirtschaftlichen Aufschwung, der Erfurt 1907 zur modernen Großstadt werden ließ. Und endlich konnte sich 1990 das gesamte geographische Thüringen auch politisch zu einem Freistaat vereinen, dessen Hauptstadt Erfurt wurde.
Der Rundgang führt vom Anger, über die Regierungsstraße, Lange Brücke, Domplatz, Petersberg, Große Arche, Predigerstraße, Fischmarkt, Marktstraße, Allerheiligenstraße, Michaelisstraße, Krämerbrücke, Wenigemarkt (Pilse), Horngasse, Kreuzsand, Comthurgasse, Gotthardtstraße, Schottengasse, Futterstraße, Johannesstraße wieder zum Anger.
Der Rundgang beginnt auf dem 1196 erstmals erwähnten Anger (1, vgl. Innenplan) am Ursulinenkloster (Nr. 5). Das über 800 Jahre alte Ordenshaus, in seiner Bausubstanz überwiegend gotisch, wurde 1196 von Weißfrauen gegründet und ist seit 1667 (bis heute) ein Konvent der Ursulinen. Die Geschichte des Klosters ist mit der heiligen ELISABETH, Landgräfin von Thüringen, die bei ihren Besuchen in Erfurt hier gewohnt haben soll, verbunden. Später besuchte hier FRIEDRICH SCHILLER während seines ersten Aufenthalts in der Stadt am 2. August 1787 eine Tante und eine Schwester HENRIETTE VON ARNIMS. Im 1713 errichteten barocken Nachbargebäude "Grüne Aue und Kardinal" (Nr. 6) trafen Zar ALEXANDER I. VON RUSSLAND, der mit seinem Gefolge während des "Fürstenkongresses" 1808 im Haus Quartier genommen hatte, und der Kaiser der Franzosen, NAPOLEON I., zu politischen Gesprächen zusammen. 1811 besuchte JOHANN WOLFGANG VON GOETHE hier die Schauspielerin CAROLINE JAGEMANN. Nur wenige Schritte weiter, im "Weißen Löwen" (Nr. 10), befand sich 1631-1635 und 1636-1650 die schwedische Statthalterei, kurzzeitig auch mit dem Generalleutnant Herzog WILHELM VON WEIMAR an der Spitze. Daran schließt sich das schöne Renaissancegebäude "Zum schwarzen Löwen" (Nr. 11) an, in dem die schwedische Königin MARIE ELEONORE vom 30. Oktober bis Mitte Dezember 1632 wohnte und auch die Todesnachricht ihres bei Lützen gefallenen Mannes entgegennehmen mußte.
Der 1705/11 errichtete kurmainzische Packhof (Waage/Zollamt) (Nr. 18), später auch als Bibliothek und Museum (seit 1886) genutzt, bildet den markanten Eckpunkt Bahnhofstraße/ Anger. Am Eingang zur Schlösserstraße fällt die kath. Lorenzkirche (12.Jh.) sowie das barocke (1737) Jesuitenkolleg auf, das nach Aufhebung des Konvents (die Jesuiten waren von 1587 bis 1822 in Erfurt ansässig) das Königliche Gymnasium aufgenommen hatte (1822-1896) und heute eine Spezialschule beherbergt. An der Stelle des Uhrenturms der 1892/95 errichteten Hauptpost stand die mit der ersten dt. pharmazeutischen Lehranstalt (1795) verbundene Schwanapotheke des Begründers der modernen Pharmazie JOHANN BARTHOLOMÄUS TROMMSDORFF. Weiter auf dem Anger ragt auf der rechten Seite der Turm (1513) der ehemaligen Bartholomäuskirche (erw. 1182) empor. Die Pfarrkirche (geschlossen 1571, abgebr. 1641/68) war an der Stelle der Hauskapelle der Grafen von Gleichen errichtet worden, die als Vögte an der Ecke Anger/Grafengasse ihren Stadthof hatten. Gegenüber, in der Häuserzeile des Historizismus und der Neogotik, besitzt das "Haus zum großen Schwanentreiber und Paradies" (Nr. 28/29) eine hübsche Barockfassade (1706). Im Vorgängerbau des Hauses Nr. 34 wohnte 1808 der bedeutende franz. Staatsmann und Außenminister CHARLES MAURICE HERZOG VON TALLEYRAND-PÉRIGORD, Fürst von Benevent. Den Abschluß des Angers bildet ein prächtiges Neorenaissancegebäude von 1899 (Nr. 39/40) und der den Gewerbefleiß der Erfurter Bürger symbolisierende, monumentale Flora-Brunnen von 1890.
Links des Brunnens steht das bedeutendste Renaissancegebäude des Angers (Nr. 37/38), das Doppelhaus "Zum Güldenen Hecht" und "Zum großen und neuen Schiff", heute bekannt als "Dacherödensches Haus" (2), in dessen Ostflügel die Familie des ehemaligen Mindener Kammerpräsidenten KARL FRIEDRICH FREIHERR VON DACHERÖDEN, des Präsidenten (seit 1785) der "Churfürstlich Mayntzischen Academie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt" und Freund des kurmainzischen Statthalters in Erfurt sowie späteren Erzbischofs und Kurfürsten bzw. Fürst-Primas des Rheinbundes, KARL THEODOR FREIHERR VON DALBERG, wohnte. Zu den vielen berühmten Gästen des Hauses gehörten u.a. GOETHE, SCHILLER, WIELAND, HERDER, ALEXANDER und WILHELM VON HUMBOLDT. SCHILLER war der Familie Dacheröden sehr verbunden, hatte doch u.a. die Tochter des Hauses, CAROLINE, ihn bei der Vorbereitung seiner Heirat mit CHARLOTTE VON LENGEFELD tatkräftig unterstützt. So reiste auch FRIEDRICH SCHILLER am 18. Februar 1790 nach Erfurt, traf hier die Schwestern LENGEFELD und verbrachte "drei angenehme Tage", bis er mit CHARLOTTE und seinen Gästen zur Trauung nach Wenigenjena aufbrach. Wiederholt war SCHILLER hier Gast, u.a. anläßlich der Taufe des ersten Kindes von WILHELM VON HUMBOLDT und seiner Frau CAROLINE (von Dacheröden), bei der er auch ALEXANDER VON HUMBOLDT traf. Später wohnte die Tochter WILHELM VON HUMBOLDTS viele Jahre in diesem Gebäude. Seit 1814/ 1832 ist das Doppelhaus im Besitz der Familie LUCIUS, von der die beiden hier geborenen Kinder EUGEN LUCIUS, Chemiker und Mitbegründer der Farbenwerke Hoechst, sowie ROBERT FREIHERR LUCIUS VON BALLHAUSEN, preuß. Landwirtschaftsminister und Freund BISMARCKS, Erwähnung finden müssen.
Der Rundgang findet seine Fortsetzung an der gegenüber dem "Dacherödenschen Haus" stehenden gotischen Pfarr-, Hof- und Klosterkirche St. Wigbert (um 968 Kapelle, Pfarrkirche 1182, im 18. Jh. Hofkirche der Statthalterei) sowie dem Wigbertikloster (von 1663-1822 Augustiner-Eremiten) und hat seinen nächsten Halt in der Regierungsstraße (Nr. 73) an der ehemaligen kurmainzischen Statthalterei (3), dem späteren Domizil der Verwaltung des preußischen Regierungsbezirkes Erfurt und heutigen Sitz der Staatskanzlei der Landesregierung des Freistaates Thüringen. Im Festsaal der barocken, nach Plänen des fränkischen Baumeisters MAXIMILIAN VON WELSCH 1711-1740 errichteten Residenz der kurmainzischen Statthalter - der Wirkungsstätte DALBERGS - wurde der Professor der Geschichte zu Jena, FRIEDRICH SCHILLER, 1791 zum Mitglied der Erfurter Akademie der Wissenschaften gewählt. Jahre später hatte Kaiser NAPOLEON I. in dem von ihm zum "Kaiserlichen Palais" deklarierten Gebäude wiederholt Quartier bezogen (1807/13). Während des Erfurter Fürstenkongresses 1808 empfing er hier u.a. den russischen Zaren ALEXANDER I., deutsche Könige und Fürsten, aber auch Gelehrte, wie der schon erwähnte Universitätsprofessor JOHANN BARTHOLOMÄUS TROMMSDORFF, sowie, am 2. Oktober zu einer längeren Audienz, JOHANN WOLFGANG VON GOETHE.
Im Nachbarhaus "Zum Stern" (Nr. 72) war seit 1605 die sächsische, seit 1741 die sächsisch-weimarische Geleitsverwaltung untergebracht. Der eigentlich für Weimar auf exterritorialem Gebiet stehende Obergeleitshof in Erfurt diente häufig dem Weimarer Hof, u.a. auch GOETHE und WIELAND, als Quartier. In seinem Tagebuch bezeichnet ihn GOETHE wiederholt als "zu Hause".
Berühmte Gäste beherbergte der seit 1587 nachweisbare Gasthof " Zum Schlehendorn" an der Ecke Regierungsstraße/Lange Brücke u.a. 1540 mit MARTIN LUTHER und PHILIPP MELANCHTHON, später wiederholt (1790f.) FRIEDRICH und CHARLOTTE SCHILLER. Schon über seinen ersten Aufenthalt schrieb der Dichter am 8. August 1787 an seinen Freund CHRISTIAN GOTTFRIED KÖRNER : "... in keinem Gasthof bin ich so fröhlich bedient und so christlich behandelt worden". Während des von NAPOLEON 1808 in Erfurt abgehaltenen "Fürstenkongresses" traf sich JOHANN WOLFGANG VON GOETHE im "Schlehendorn" mit dem weimarischen Kanzler FRIEDRICH VON MÜLLER.
Nach wenigen Schritten erreicht man den früher als "Plänchen vor der langen Brücke" bezeichneten kleinen Platz (4), an dem im Haus "Zum Bürgerstreit" (Nr. 36) CHARLOTTE und FRIEDRICH SCHILLER Ende 1791 für etwa sechs Wochen wohnten, während der Dichter an seiner "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" arbeitete.
Nach dem Überqueren der Brücken (Lange Brücke) über die beiden Geraarme Walkstrom und Bergstrom, vorbei an der schon 1268 erwähnten Sackpfeifenmühle, erreicht man durch die Kettenstraße den Domplatz
Der 1813 durch die preußische Beschießung in seiner heutigen Weite entstandene Platz war zuvor fast vollständig bebaut und ließ nur einen größeren freien Raum an der Südseite "Vor den Graden". Hier ließ FAUST eine Erfurter Magd glauben, daß sie bis zu den Knien im Wasser stände. Rund hundert Jahre später ritt GUSTAV II. ADOLF bei seinem ersten Aufenthalt in der Stadt (22.9.1631), begleitet von dem Geläut der Gloriosa sowie weiterer Kirchenglocken und dem Jubel der Menge, über diesen Platz zu seinem Hauptquartier, dem Haus "Zur Hohen Lilie" (5).
Der heutige, 1538 errichtete Bau hatte mehrere Vorgänger und war schon im 14. Jh. ein vornehmes Gasthaus (1341 logierte hier Erzbischof CHRISTOPH VON BREMEN). Seine Gästeliste umfaßte Kirchen- und weltliche Fürsten, wie 1541 den letztlich als Gegenspieler FRANZ VON SICKINGENS bekannt gewordenen Landgrafen PHILIPP (der Großmütige) VON HESSEN oder 1543 den Herzog und Kurfürsten MORITZ VON SACHSEN. Ebenfalls war MARTIN LUTHER Logiergast und GUSTAV II. ADOLF nahm 1631 sowie 1632, gemeinsam mit seiner Frau MARIE ELEONORE, einige Tage Quartier. Während des "Fürstenkongresses" 1808 bewohnte Napoleons Bruder JÉRÔME BONAPARTE, Fürst von Montfort, König ("Lustik") von Westfalen mit seiner Frau das Haus; später der berühmte preußische Generalmajor LUDWIG ADOLF WILHELM FREIHERR VON LÜTZOW und natürlich die preuß. Könige, so FRIEDRICH WILHELM III. Im 17. Jh. war das Renaissancehaus "Hohe Lilie" im Besitz der Erfurter Patrizierfamilie LUDOLF. Unter den hier geborenen Familienmitgliedern sind der Orientalist HIOB LUDOLF als der berühmte Begründer der Äthiopistik (u.a. "Grammatica Aethiopica" und "Lexicon Aethiopicum" 1661, "Historia Aethiopica" 1681), aber auch dessen Neffen, der Slavist HEINRICH WILHELM LUDOLF, der die erste russische Grammatik (lat., Oxford 1696) verfaßte, sowie der Mathematiker HIOB LUDOLF, der in Deutschland die Klassenlotterie einführte,hervorzuheben. Über 350 Jahre bot das neben der "Hohen Lilie" stehende "Haus zum Lampreten" (Seeneunauge) den Platz für eine Apotheke - seit 1709 "Grüne Apotheke" - und hatte im 19. Jh. mit FRIEDRICH HEINRICH BILTZ (einheimische Opiumgewinnung aus Mohn) und dessen Sohn ERNST CHRISTIAN AUGUST BILTZ (Schöpfer der Schichtmethode in der analytischen Chemie, Forschungen zur Zersetzlichkeit des Chloroforms; Ehrendoktor der Universität Marburg 1888) für die chemisch-pharmazeutische Wissenschaft bedeutsame Bewohner. Den rechten Abschluß der Häuserzeile mit "Grüner Apotheke" und "Hoher Lilie" bildet das ehemalige Gasthaus "Zum halben Mond" oder " Zum Propheten" (später "Thüringer Hof"), in dem GUSTAV II. ADOLF 1631 durch den "Ritterschlag" in die Riemer-Innung der Stadt aufgenommen worden war. Sein "Willkommenspokal" ist im Stadtmuseum zu besichtigen.
Der Domplatz wird von der gewaltigen gotischen Baugruppe der beiden Stiftskirchen (Domherren bzw Augustiner-Chorherren) Beatae Mariae Virginis (Dom) (8. Jh.) und St. Severi (10.Jh.) beherrscht (6). In den Stiftsgebäuden links des Domes findet man das Auditorium der Theologischen Fakultät bzw. des Philosophisch-Theologischen Studiums. Hier hat 1509 Martin Luther, der im Chor des Domes zum Priester geweiht worden war, seine erste theologische Vorlesung gehalten. Im Mittelturm des vermutlich auf eine Gründung des BONIFACIUS (8.Jh.) zu-rückgehenden Marien-
Doms hängt die "Gloriosa" des Holländers GERARD VAN WOU von 1497, die mit einem Durchmesser von 2,57 m und 113,67dt die drittgrößte Glocke der Welt ist. Zu den herausragenden Kunstschätzen gehören neben den Altären und dem eichenen Chorgestühl (teilw. 14. Jh.), die Glasfenster des Chores (1380-15. Jh.), die romanische Stuckmadonna und der bronzene Kerzenhalter "Wolfram" (beide 12. Jh.) sowie auch das Madonnenbild von LUCAS CRANACH d.Ä. (um 1522). Ein Meisterwerk deutscher Plastik des 14. Jh. befindet sich mit dem Sarkophag des hl. SEVERUS, des Bischofs von Ravenna, seiner Frau und Tochter in der Severikirche.
Rechts (nördlich) vom Domberg befindet sich die Festung "Petersberg"
(7) in deren Mauern mit der Ruine einer dreischiffigen romanischen Pfeilerbasilika (1103-1147 err.) ein beeindruckendes Beispiel Hirsauer Baukunst zu finden ist. Die Kirche der Benediktinerabtei St. Peter, in dem im Mittelalter eine Anzahl von Reichstagen stattfanden, so z.B. 852 unter dem Ostfrankenkönig LUDWIG DEM DEUTSCHEN oder die Wahl (936) OTTO I. zum Nachfolger HEINRICH I., sah den berühmten Kniefall HEINRICH DES LÖWEN vor der Politik Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA auf dem Reichstag von 1181, einer von insgesamt fünf, die allein BARBAROSSA hier abhielt. Der Petersberg trug ursprünglich ein fränkisches Kastell - hier wird im 8./9. Jh. auch die Königspfalz KARL DES GROSSEN sowie der wiederholte Aufenthaltsort Kaiser OTTO II. (10. Jh.) zu suchen sein , seit dem 8. Jh. ein Stift und vom 11. Jh. bis zu seiner Säkularisierung (1803) das Peterskloster, dessen Anlage bei der Beschießung der Stadt 1813 weitestgehend zerstört wurden. Zu den bedeutendsten Klosterinsassen gehörte der "Ahnherr der deutschen Humanisten" (Poeta occultus) NIKOLAUS VON BIBRA, der mit seinem Gedicht "Carmen satiricum" eine der wertvollsten kulturhistorischen Stadtbeschreibungen des 13. Jh. hinterließ. Weitere berühmte Besucher waren in der Neuzeit z.B. GUSTAV II. ADOLF, der 1631 St. Peter besuchte und die Äbte der Erfurter Klöster sowie den Rektor des Jesuitenkollegs zum "Treueeid" aufforderte, und Kaiser NAPOLEON, der die strategisch wichtige Festung besichtigte, die neben den drei Mauerringen der Stadt sowie der 1483 errichteten und 1644 von den Schweden zur Festung nach italienischem Muster umgebauten Zitadelle "Cyriaksburg" (sie beherbergt das Deutsche Gartenbaumuseum auf dem 40 ha großen Parkgelände der ega) zu den gewaltigen Befestigungsanlagen der Stadt gehörte. Die Stadt hatte sich zwar nach Abzug der Schweden 1650 erfolgreich den im Westfälischen Frieden festgeschriebenen Besitzansprüchen des Kurfürstentums Mainz widersetzt, mußte sich aber letztlich 1664 dem mit dem Vollzug der kaiserlichen Reichsacht über Erfurt betrauten Kurfürsten und seinen französischen, kurtrierer und kurkölner Verbündeten beugen. Zur Sicherung seiner vor über dreihundert Jahren in Erfurt verlorenen Macht schränkte der Mainzer Kurfürst die Rechte des Rates ein und erbaute zwischen 1664 und 1726 auf dem Petersberg, die Benediktinerabtei einschließend, eine Zitadelle, die heute ein Kleinod verschiedenster Festungsbautechniken der kurmainzischen, französischen und preußischen Stadtherren Erfurts mit einer bewegten Geschichte darstellt. Ein zeitpolitisches Kuriosum dürfte auch die Tatsache sein, daß hier noch bis zum 6. Mai 1814 die Fahne des Napoleonischen Kaiserreichs wehte, obwohl dessen Schicksal mit der Abdankung NAPOLEONS am 6. April und seinem Eintreffen auf der Insel Elba (4.5.) längst besiegelt war.
Der Rundgang führt über den Domplatz - nach einem kurzen Abstecher zur teilweise aus dem 13. Jh. stammenden Andreaskirche, Pfarr- und ehem. Klosterkirche des Benediktinernonnenklosters S. Cyriaki in der Andreasstraße (Nordseite des Domplatzes) dem Wirkungsort und Wohnhaus (Nr. 16) des damaligen Pfarrers (1772-1781) CHRISTIAN GOTTHILF SALZMANN, der später die berühmte Erziehungsanstalt in Schnepfenthal gründete, - durch das Gäßchen an der Ostseite des Domplatzes (zw. Markt- u. Kettenstraße) im Hof des Gevierts Große Arche fort. Hier fällt der Blick auf den ehemaligen Waidspeicher (15. Jh.), in dem das Kabarett "Die Arche" und das Puppentheater untergebracht sind. Im vorderen Teil der Großen Arche finden sich mehrere historische Gaststätten, so der "Sonnenborn" (Nr. 6) - der Renaissancebau von 1536 besitzt eine wertvolle Bohlenstube und Sgraffiti - sowie die "Penne" (Nr. 3/4). Im schönen Renaissancehaus (Nr. 14) mit anschließendem Speicher hält seit wenigen Jahren das Naturkundemuseum seine Tore für die Besucher offen. Über die Kleine Arche, vorbei an der Maria-Magdalenen-Kapelle (um 1200) und dem Paulsturm der 1216 erwähnten und im 18. Jh. abgebrochenen Paulskirche, erreicht man den kleinen Platz an der Kreuzung Prediger- und Meister-Eckhart-Straße.
Predigerstraße Auf der nördlichen Straßenseite fällt das Rokokowohnhaus "Zum Güldenen Heer" (Nr. 7) von 1768 auf. Geprägt wird der kleine Platz aber durch die zwischen 1270/ 1370 erbaute Predigerkirche (8). Die in ihrer Größe beeindruckende Kirche des Dominikanerklosters (1229-1525) birgt eine Reihe wertvoller Kunstschätze aus dem 14./15. Jh. Eine im 13./14. Jh. am Kloster angeschlossene Schule war Teil des ältesten deutschen Hochschulstudiums in Erfurt ("studium erfordense"). Im Kloster wirkte MEISTER ECKHART, der bedeutendste deutsche Mystiker. Als Mönch, Prior und später Ordensprovinzial für Sachsen war er zwischen 1278ff./1294-1298 und 1304-1311 am Erfurter Kloster tätig. MEISTER ECKHART, der auch an der Pariser Universität gelehrt hatte, bereicherte nicht nur die deutsche Prosa, sondern steht auch am Beginn der philosophischen Begriffssprache. Bedeutung erlangte ebenfalls der Predigermönch DIETRICH VON APOLDA, der mit seinem "Leben der Hl. Elisabeth" und dem des hl. Dominikus sehr frühe lateinische Lebensbeschreibungen (1289) verfaßte. Im 16. Jh. gab es unter den Pfarrern der Kirche einige bedeutende Weggefährten MARTIN LUTHERS, so JOHANN AURIFABER, der auch in den letzten Stunden LUTHERS anwesend war und erstmals die "Tischreden" herausgegeben hat. Während seines Aufenthaltes in Erfurt 1631 nahm GUSTAV II. ADOLF von Schweden an den Gottesdiensten in der Kirche teil, auch stand die Aufführung des von MICHAEL ALTENBURG 1632 komponierten Feldliedes "Verzage nicht, du Häuflein klein" durch den Organisten der Predigerkirche, JOHANN BACH, im Jahre 1642 in unmittelbarem Zusammenhang mit der schwedischen Besetzung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg .
Während sich südlich an die Kirche und Reste des Klosters, durch den Breitstrom von diesen getrennt, die Ruine (1944) der großen, gleichfalls dreischiffigen Pfeilerbasilika Barfüßerkirche (13. Jh.) - hier predigte 1529 MARTIN LUTHER - des Franziskaner-Klosters anschließt, steht an der nördlichen Seite des Langhauses der Dominikaner-Klosterkirche seit 1911 ein Denkmal für Gustav II. Adolf.
Fischmarkt Auf dem Platz (9) vor dem 1882 eingeweihten neugotischen Rathaus, in dem eine Reihe von Gemälden mit Episoden zur Geschichte der Stadt zu besichtigen sind, steht der von ISRAEL VON DER MILLA 1591 geschaffene "Römer" oder "Roland" als Symbol städtischer Freiheiten gegenüber dem Mainzer Landesherrn. In der Häuserreihe dahinter fällt der Blick auf das Ende des 15.Jh. erbaute Haus "Halbe eiserne Tür" (Nr. 4) sowie auf den "Ratskeller" (Nr. 5). Das Gasthaus wurde nach 1477 (Neubau 1562) auf dem Grundstück eines alten Beginenhofes und späteren Studenteninternats der Universität ("Zum Lauenstein") errichtet. Am 3. Januar 1791 nahm hier FRIEDRICH SCHILLER mit seiner Frau CHARLOTTE an einem von Madame HÄSSLER, der Frau des damals in London und später in Petersburg und Moskau engagierten Komponisten und Organisten JOHANN WILHELM HÄSSLER, veranstalteten "Extrakonzerts" teil. 1869 sprachen im Gasthof AUGUST BEBEL und WILHELM LIEBKNECHT vor den Erfurter Arbeitern. Es schließt sich das Haus "Zur Güldenen Krone" (Nr. 6) mit Bauteilen von 1488 und 1541 an, das ebenso wie das Haus "Zum Roten Ochsen" (Nr. 7) schon 1250 erwähnt wird. Die heutige Galerie "Roter Ochse" wurde 1562 errichtet und zeichnet sich durch eine Vielzahl von Schmuckelementen, darunter die Darstellungen von acht griechischen Musen sowie der Planeten, aus. Weitere Renaissance- und Barockhäuser folgen.
Zu den schönsten Baudenkmälern Erfurts gehört das 1584 von einem Tuch- und Waidhändler an der Nordseite des Platzes errichtete Renaissancehaus "Zum breiten Herd", das mit seinem späteren Erweiterungsbau als Gildehaus bekannt ist. Der beeindruckende Fries mit der Darstellung der fünf Sinne findet auf dem Anbau mit den vier Tugenden (Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigkeit, Mut) eine Fortsetzung. Während des Erfurter Fürstenkongresses (1808) wurde der hier mit seinem Gefolge wohnende König AUGUST VON SACHSEN auch von Kaiser NAPOLEON I. besucht. An der Ecke zur
Marktstraße stand Anfang des 13. Jh. eines der ältesten Hopitäler der Stadt sowie die Kirche S. Martini intra muros (bis 1385). Im Haus Nr. 7 wohnte der spätere Feldherr der Befreiungskriege und preuß. Generalfeldmarschall AUGUST WILHELM ANTON NEIDHARDT VON GNEISENAU mit seinen Eltern bevor er 1777 sein Studium in Erfurt aufnahm. Aufwendig restauriert zeigt sich das seltene symmetrische Giebelhaus von 1556 " Zum Güldenen Rad" (Nr. 50). Interessant sind auch die beiden barocken Bürgerhäuser zum Domplatz hin "Zum Großen und kleinen Stör" und "Zum schwarzen Bären" (Nr. 34/35) sowie das Waidhändlerhaus "Zum großen Pflug und großen Siebenbürgen", in dem 1808 während des "Fürstenkongresses" der König von Bayern Quartier genommen hatte. Am Eingang zur
Allerheiligenstraße steht die gotische, ursprünglich mit einem regulierten Augustiner-Chorherren-Stift verbundene Allerheiligenkirche (12. Jh., kath.). Rechter Hand schließen sich die zur "Engelsburg" (10) des Erfurter Universitätsprofessors für Medizin GEORG STURTZ gehörenden Nebengebäude (Nr. 20/21) "Schwarzes Roß" und "Roter Hirsch" aus dem 15. Jh. an. Das "Schwarze Roß" war Ende 15./Anfang 16. Jh. Treffpunkt (Bohlenstube) der Erfurter Humanisten um CONRAD MUTIAN, dem "Dichterkönig" (Luther) EOBANUS HESSUS, ULRICH VON HUTTEN, CROTUS RUBIANUS u.v.a., die in Verbindung mit ERASMUS VON ROTTERDAM standen, die berühmten "Dunkelmännerbriefe" als Antwort gegen die mittelalterliche Scholastik verfaßten und in der Mehrzahl an der Erfurter Universität lehrten. 1537 pflegte STURTZ den kranken LUTHER in seinem Haus. Errichtet wurden die Gebäude auf der alten Kloster- und Hospitalanlage (das 1117 erwähnte Hospital S. Augustin ist die älteste Krankeneinrichtung der Stadt), deren Reste im heutigen Studentenkeller sichtbar werden.
Im gegenüber, in der Turniergasse, stehenden Vorgängerbau des 1528/54 errichteten "Turnier" (Nr. 17) verlebte der Markgraf von Meißen und Thüringer Landgraf ALBRECHT DER ENTARTETE (gest.1307) seine letzten Lebensjahre. Beachtenswert sind ebenfalls die aus dem 15./Anfang 16. Jh. stammenden Patrizierhäuser "Hirschsprung" (Nr. 16) und "Blaue Lilie" (Nr. 4). Auf dem Platz vor dem Tunier soll TILL EULENSPIEGEL die Wette, daß er einem Esel das Lesen beibringen könne, gewonnen haben. Das an der Ecke der Allerheiligenstraße stehende Haus "Blumenstein" (Nr. 5) - es beherbergte anfangs des 19. Jh. die Hebammenlehr- und Entbindungsanstalt - sowie das folgende, früher dem Orden der Tempelherren gehörende Renaissancehaus "Zur Windmühle" (Nr. 6) sind Wohnhäuser der zweiten Hälfte des 16. Jh.
In der gegenüber abzweigenden Waagegasse stehen ausschließlich Lagerhäuser, meist dreigeschossige Fachwerkbauten des 16./17. Jh., die als verkehrstechnisch notwendiges Kuriosum alle ein auf die Toreinfahrten zuführendes Straßenstück besitzen.
Weiter in der Allerheilgenstraße sind der "Güldene Stern" (Nr. 11) sowie das Haus "Zum Güldenen Sternberg" (Nr. 8) von 1533/1537 sind spätgotische Wohnbauten und an der Stelle der Gebäude (Nr. 9/10) befand sich das 1520 gegründete "Collegium Saxonicum" der Universität, von dem eine Inschrift im Folgebau erhalten blieb. Vorbei an der spätmittelalterlichen Buchdruckerei im 1459/ 1544 errichteten Haus "Zum Güldenen Stern" (Nr. 11), die mit einem 1473 nach gutenbergischer Kunst gedruckten Ablaßbrief das älteste Zeugnis seiner Art im nördlichen Europa hinterließ, trifft man auf die ebenfalls zur "Steinernen Chronik", wie dieses Viertel genannt wird, gehörende
Michaelisstraße, an deren Ecke die ehemals von der Universität mit genutzte Michaeliskirche (err. 1183/ 1200, gotischer Umbau 13.Jh.) steht. LUTHER, der schon während seiner Erfurter Studienzeit die Kirche besuchte, predigte hier am 21. Oktober 1522. Auf dem kleinen Friedhof befinden sich u.a. Grabmale Erfurter Universitätsprofessoren. Gegenüber der Kirche sind die Reste des Collegium maius (1510/13) der 1392 von den Erfurter Bürgern gegründeten und insbesondere im 15. Jh. bedeutenden Universität (der drittältesten auf dem Boden des heutigen Deutschlands) zu sehen (11). Das große Kolleg umfaßte Hörsaal, Karzer, anatomisches Theater und weitere Universitätsgebäude. 1944 wurde der spätgotische Bau zerstört. Im aus dem 19. Jh. stammenden Hintergebäude (Nr. 39) wird u.a. die berühmte Handschriftensammlung des AMPLONIUS RATINGK DE BERCKA aufbewahrt. Die Amploniana ist die größte noch geschlossen erhaltene Handschriftensammlung (979 Codices) eines mittelalterlichen Gelehrten des 14./15. Jh. überhaupt.
Im sich links anschließenden Nachbargebäude (Nr. 38), dem Patrizierhaus "Zur großen Arche Noä und Engelsburg", dessen Portal von ionischen Säulen eingefaßt ist, soll von Anfang des 16. Jh. bis etwa 1520 FAUST, der der Sage nach im Collegium maius die griechischen Helden hat erscheinen lassen, seinen Wohnsitz gehabt haben, während im Vorgängerbau der Mediziner AMPLONIUS RATINGK lebte. Im 16. Jh. befand sich hier die bedeutende Buchdruckerei von MELCHIOR SACHSE d. Ä., der, neben Schriften der Humanisten und der Reformation, Arznei- und Ries-Rechenbüchern auch die erste Erfurter Ausgabe (1532) des Eulenspiegelbuches besorgte. Im Hinterhaus "Zum Drachen" wurde einer der berühmten "Dunkelmännerbriefe", verfaßt von dem Erfurter Humanistenkreis, gedruckt.
Neben der Michaeliskirche fällt der Blick auf die vom Weihbischof und Universitätsprofessor JOHANN VON LASPHE BONEMILCH (gest. 1510) - er hat nicht nur die Gloriosa im Dom geweiht, sondern auch MARTIN LUTHER zum Priester - gestiftete gotische Dreifaltigkeitskapelle mit einem fünfseitigen Chorerker (1505) und auf die heutige Ausstellungsgalerie "Güldener Krönbacken" (Nr. 10) mit seinen schönen Fachwerkgeschossen. Im sich anschließenden Haus "Zum goldenen Schwan" (Nr. 9) spielt ebenfalls eine der FAUST-Sagen in Erfurt. Dem alten Gasthaus gegenüber (Nr. 44) lag ursprünglich das größte Kolleg - "Zur Himmelspforte", Collegium Amplonianum - der Erfurter Universität. Nur wenige Schritte weiter befindet sich das Haus "Greifenstein" (Nr. 46) als eine interessante Mischung von Gotik und Renaissance von 1550; im Nachbarhaus (Nr. 45) wohnte 1679 als Erfurter Student der spätere Gründer der Franckeschen Stiftungen in Halle, AUGUST HERMANN FRANCKE, und gegenüber (Nr. 6/7) steht die "Kleine und Große alte Waage" (15.Jh./1717).
Eine der bedeutendsten Buchdruckereien, insbesondere unter WOLFGANG SCHENCK und MATHES MALER im 15./16. Jh., beherbergte das 1549 neu errichtete Haus (Nr. 48) "Zum schwarzen Horn" (12). Noch im 15. Jh. entstand hier das erste deutsche Lehrbuch der griechischen Sprache. Unter SCHENCK wurde erstmals im deutschsprachigen Raum in griechischen (1501) sowie in kursiven Lettern (1510) gedruckt. Von MALER sind zwischen 1511-1525 allein 215 datierte Drucke bekannt, darunter eine große Anzahl von Reformationsschriften. Aufmerksamkeit verdienen vor allem aber die "Cronica sant Elisabet" (1520), das nur noch in einem Exemplar vorhandene letzte Bekenntnis THOMAS MÜNTZERS, MARTIN LUTHERS erstes Gesangsbuch "Enchiridion" und andere Flugschriften sowie die Rechenbücher von ADAM RIES, dem "Rechenmeister" von Erfurt, der fünf Jahre in der Stadt lebte. Seine "Rechnung auf der Linie" (1522) und seine "Rechnung auf der Linie und Feder" (1525) erfuhren mehrere Auflagen.
An der Ecke zum Fischmarkt sind Reste der ältesten Erfurter Synagoge (14. Jh.) erhalten und hinter dem Rathaus ist mit der "Judenschule" (Stadtmünze) ein weiteres Gebäude des ehemaligen jüdischen Viertels zu sehen.
Krämerbrücke
Die nach einem Brand erstmals 1117 erwähnte Brücke (1156 "pons rerum venalium") (13) war an der alten Furt des West-Ost-Handelsweges "via regia" errichtet worden und zählt durch ihre vollständige Bebauung mit Häusern (heute noch 32, früher 64) - in Mittel- und Nordeuropa ohne Vergleich - zu den herausragenden Baudenkmälern der Stadt. 1325 löste eine Steinbrücke, auf der sich wiederum Krämer, die Händler für Gewürze, Stoffe, Papier usw. ansiedelten, den hölzernen Vorgängerbau ab. Eingerahmt wurde die Brücke ursprünglich von zwei Brükkenkopfkirchen, der Benedict- (abgebrochen 1810/ 1895) und der noch vorhandenen und 1110 erwähnten gotischen Ägidienkirche (ev.-methodist.), in deren Turm eine 1382 gegossene Glocke hängt. Auf der Brücke ist in einem der kleinen Häuser ein "Brückenhaus"-Museum eingerichtet.
Wenigemarkt
Über den Wenigemarkt, der wesentlich älter als seine erste Erwähnung (1217) als "forum parvum" ist und in dessen Nähe einer der vier Erfurter Streiche TILL EULENSPIEGELS spielte, verlief nicht nur die "Hohe Königsstraße", sondern er diente auch, spätestens seit der Erhebung Erfurts zum Grenzhandels- und Stapelplatz durch KARL DEN GROSSEN (805), als Markt mit den slawischen Völkern. Eine Reihe von Universitätsprofessoren waren hier Hausbesitzer, so der Mitbegründers der modernen Pathophysiologie AUGUST FRIEDRICH HECKER, der Ende des 18. Jh. im Haus "Zum Trappen und zum Güldenen Engel" (Nr. 19) wohnte.
Am Junkersand standen Häuser der weitverzweigten Familie BACH; so wohnten auch die Eltern von JOHANN SEBASTIAN BACH 1671 im Vorgängerbau vom Junkersand 1 und seine Mutter, ELISABETH LÄMMERHIRT, wurde 1644 hier (Nr. 3) geboren.
Gotthardtstraße / Kreuzsand / Horngasse
In dem sich nördlich der Krämerbrücke anschließenden "Klein Venedig" genannten Gebiet, läßt sich zuvor das Haus "Alter Schwan" (Gotthardtstr.), in dem CHRISTOPH MARTIN WIELAND 1769/72 als Erfurter Universitätsprofessor der Poesie wohnte und in der eine HANS-SACHS-Anekdote spielte, sowie die kleine, 1418 gestiftete mittelalterliche Studentenburse "Bursa pauperum" (ein Internat für mittellose Studenten) (Kreuzsand 9/10) und das Universitätshospital von 1484 (Horngasse 4, Haus "Zur Steinecke")entdecken (14). Über die Hüter- u. Schildgasse gelangt man zur
Comthurgasse / Augustinerstraße
mit dem 1570/73 errichteten Komturhof (15) des Deutschen Ritterordens (Comthurgasse) und dem an der Ecke zur Augustinerstraße stehenden Turm der 1200 gegründeten Nikolaikirche (1750 abgebr), die auch vom Deutschen Orden genutzt wurde. Zu sehen sind Gebäudeteile des Benediktiner-Nonnenklosters (Cyriakskloster) am Hügel, dem vierten und letzten Standort des alten, ursprünglich (9.Jh.) auf dem Domberg gelegenen Klosters St. Paul, sowie der Georgenburse, in der MARTIN LUTHER seit 1501 als Student lebte, bevor er als Mönch (1505-1511) in das im 13.Jh. gegründete Augustinerkloster (16) wechselte. Neben den zahlreichen Kunstdenkmalen, zu denen auch einige Details des Baumeisters K. F. SCHINKEL von 1840/49 gehören, ist in der Kirche der Grabstein JOHANNES ZACHARIAE, des theologischen Gegners Johannes Hus auf dem Konstanzer Konzil (1414) interessant. Nach der Säkularisierung 1555 beherbergte das Kloster eine Waisenschule, das evang. Ratsgymnasium und im 18. Jh. für siebzig Jahre die Bibliothek und Sammlungen der heutigen Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. In der Kirche wirkte der schon erwähnte spätere Hallenser Waisenhaus- und Schulstifter AUGUST HERMANN FRANCKE 1690/91 als Geistlicher und 1716 prüfte JOHANN SEBASTIAN BACH die neue Orgel.
Durch die Kirchgasse und Gotthardtstraße führt der Weg über die
Schottengasse
mit der romanisch/barocken St. Jakobskirche (17) des ehem. Schottenklosters (12.Jh.-1820), dessen hochgebildete irisch-schottische Benediktinermönche an der Erfurter Universität naturwissenschaftliche Disziplinen lehrten und das in seinen Mauern nicht nur das Physikalisch-Mathematische Museum der Universität sondern auch die Sternwarte der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt beherbergte, zur Futterstraße.
Neben alten Patrizierhäusern aus dem 15.-18. Jh. fällt das als "Kaisersaal" (18) bezeichnete Gebäude mit der klassizistischen Eingangsfassade auf (Nr. 15/16). Als "Universitätsballhaus" 1715 errichtet, fanden seit Mitte des 18. Jh. Theateraufführungen statt, u.a. spielte Goethes "Weimarische Hofschauspiel-Gesellschaft". Die Uraufführung der Prosadichtung seines "Don Carlos" sah FRIEDRICH SCHILLER hier am 24.9.1791. Während des Fürstenkongresses 1808 trat schließlich das Ensemble der Comédie Française aus Paris unter der Leitung von TALMA vor Kaiser NAPOLEON I. und Zar ALEXANDER I. sowie den deutschen Königen und Fürsten auf. Auch gab der Geiger PAGANINI 1825 hier ein Konzert. 1831/32 zum Versammlungssaal umgebaut, erlebte das Gebäude dann 1891 den zweiten Parteitag der SPD nach den "Sozialistengesetzen" und den Beschluß des "Erfurter Programms".
Johannisstraße
Unter den schönen alten Renaissancebürgerhäusern fallen insbesondere das 1607 errichtete Haus "Zum Stockfisch" (Nr. 169) mit einer beeindruckenden Fassade der Spätrenaissance auf (19). In dem hier untergebrachten Erfurter Stadtmuseum sind wertvolle Belege zur wechselvollen Geschichte des Ortes zu sehen. Nicht ganz so schmuckvoll ist das ebenfalls um 1607 erbaute Nachbarhaus "Zum Mohrenkopf" (Nr. 168). Zu den interessanten Details zählen die zu Mohrenköpfen gestalteten Öffnungen, in die, wie an vielen anderen Biereigenhöfen der Stadt, Strohwische als Zeichen für frisch gezapftes Bier gesteckt wurden, so auch beim Haus "Zur Mühlhaue" (Nr. 166), mit gotischen Bauteilen und einem Renaissanceportal von 1562, oder bei dem um 1600 mit Fachwerk errichteten Haus "Zum Grünen Sittich und Gekrönten Hecht" (Nr. 178).
Der Rundgang endet an der evang. Kaufmännerkirche (20) auf dem Anger. Die aus dem 13. Jh. stammende gotische Pfarrkirche hat romanische Bauelemente und eine Anzahl bedeutender Kunstwerke aus dem 16./17. Jh. aufzuweisen (z.B. aus der Werkstatt der Familie FRIDEMANN Kanzel 1598 und Altar 1625, der die Worte Jesu "Das ist mein Leib, das ist mein Blut" in hebräischer, syrischer, griechischer, lateinischer und deutscher Sprache trägt). Erwähnenswert ist, daß hier MARTIN LUTHER am 22.10.1522 predigte und 1668 die Eltern, gebürtige Erfurter, von JOHANN SEBASTIAN BACH getraut wurden.
Das vom Berliner Bildhauer FRITZ SCHAPER 1889 geschaffene Lutherdenkmal vor der Kirche zeigt auf den vier Reliefs am Sockel Szenen aus dem Leben MARTIN LUTHERS in Erfurt, und schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, daß auf dem Platz des heutigen, 1906/ 08 errichteten, Kaufhauses das Gasthaus "Römischer Kaiser" gestanden hat, dessen prominentester Besucher wohl NAPOLEON 1812 gewesen sein dürfte.
Als farbig bebilderter Führer über den Verlag der Akademie erhältlich. Im Auftrag der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, 1997. Text: Dr. J. Kiefer; Bildautor: H.-G. Schröder; Grafik u. Design: A. Kiefer. Alle Rechte bei den Autoren.
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