Geschichte der Archivs

Mit der Gründung der Churfürstlich Mayntzischen Academie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt am 19. Juli 1754, der drittältesten ihrer Art in Deutschland nach Berlin (1700) und Göttingen (1751), hatte der Landesherr, Kurfürst und Erzbischof Friedrich Karl von Ostein (1743-1763), den Initiatoren um den Erfurter Universitätsprofessor der Medizin und Sekretär der Akademie Johann Wilhelm Baumer (1719-1788) nicht nur die Genehmigung zur Errichtung verschiedener Forschungseinrichtungen, wie Botanischer Garten, Anatomisches Theater, Chemisches Laboratorium und Observatorium, erteilt, sondern auch eine Bibliothek und Naturalien- und Kuriositäten-Sammlungen befürwortet. Allerdings konnte, im Gegensatz zu den anderen akademischen Instituten, die schließlich überwiegend im Collegium Fridericianum am Löbertor eine Heimstatt fanden, für die Bibliothek trotz verschiedener Bemühungen keine geeignete Unterkunft gefunden werden.

Das gleiche Schicksal scheint das Archiv getroffen zu haben, da es als solches nicht in den Verhandlungen des Senats der Akademie ein Rolle gespielt hat. Wahrscheinlich wurde der größte Teil der anfallenden Akten und Protokolle im 18. Jahrhundert vom jeweiligen Sekretär aufbewahrt. Bei der Amtsübergabe des Sekretariats von Baumer an den Erfurter Universitätsprofessor der Jurisprudenz und Leopoldina-Bibliothekar Hermann Ernst Rumpel (1734-1794) am 9. Februar 1765 kam es dann zwischen den beiden Senatsmitgliedern zu ersten Unstimmigkeiten, die sich bei einer zentralen Aufbewahrung der Akten sicherlich hätten vermeiden lassen. Rumpel äußerte nach der Durchsicht der ihm übergebenen Bücher, Sammlungsgegenstände und Schriften berechtigte Zweifel an deren Vollständigkeit, worauf sich Baumer, der mittlerweile an der Universität Gießen lehrte, dahingehend verteidigte, daß er die "bei ihm angeforderten Protokolle, wie auch die Bücher und Naturalien der Akademie ... nie im Besitz gehabt (hat) und was er besessen hatte, habe er dem neuen Sekretär übergeben". [Baumers Brief wurde auf der Sitzung am 13. 7. 1765 verlesen, vgl.: Archivbestand Michaelisstraße 39, Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt, Handschriftliches Material der Akademie (weiterhin zitiert als: AAAgW), IX. 2. 10.] Die Aussagen sind aus heutiger Sicht kaum zu beurteilen. Vermutlich ist der Verlust der gesamten Korrespondenzen des 18. Jahrhunderts auf eine Arbeitsteilung bei der Bewältigung des Schriftverkehrs, zurückzuführen, da für den akademischen Briefwechsel mit Gelehrten, Universitäten und Sozietäten im In- und Ausland verschiedene Senatsmitglieder zuständig waren, so erledigten z.B. die Erfurter Universitätsprofessoren Siegmund Leberecht Hadelich (1694-1783) und Christoph Andreas Mangold (1719-1767) die Korrespondenz mit Frankreich bzw. Deutschland. Allerdings ist auch das gesamte andere Schriftgut des Baumersekretariats nicht erhalten geblieben und selbst die Protokolle existieren nur - sicherlich gekürzt - in Nachschriften. Auf dem ältesten Protokollband (1757-62/1763-65) wurde deshalb vermerkt: "geführt vom Sekret. Rath Baumer, einzelne Sitzungen sind vom Prof. Hadelich als Secretario adjuncto u der Schluß vom Prof. Rumpel geschrieben. ... Zur künftigen Notiz hat dieses in einzelnen Bogen u Zetteln vorräthige in Ordnung gebracht Bellermann, Prof. u. Sekret. letzters seit 1792". [AAAgW, IX.1.] Mit Johann Joachim Bellermann (1754-1842), ebenfalls Professor an der Erfurter Universität, mußte also wiederum ein Akademiesekretär bei den nachgelassenen Unterlagen ordnend eingreifen. Bellermann, der sich ebenfalls darüber beklagte, daß ihm Rumpel "von allen diesen Sachen", gemeint waren hier insbesondere die Bibliothek und die Naturalien- und Kuriositätensammlung, "nichts ausgehändigt" hatte, [AAAgW, IX. 2a. 68] erhielt wenigstens die Sitzungsprotokollbände und übergab schließlich am 22. 12. 1803 "sämtliche", 1792 übernommenen und während seiner Amtszeit erweiterten "Vorräte und Bücher" an seinen Nachfolger, den Universitätsprofessor Johann Jacob Dominicus (1762-1819). [AAAgW, IX. 2a. 1, 1., 20.]

Die Erfurter Akademie der Wissenschaften hat zumindest den zuletzt genannten drei Sekretaren den Beginn der Aufbewahrung der anfallenden handschriftlichen Zeitzeugen zu verdanken, auch wenn dabei noch unterschiedliche Auffassungen von der Archivwürdigkeit des Schriftgutes zum Tragen kamen. So sind aus der Zeit des Rumpelsekretariats nur das Sitzungsprotokollbuch, der Bibliothekskatalog sowie einige Abhandlungen und Vorträge erhalten geblieben, während schon Bellermann den amtlichen Briefverkehr und die Akten zu den Preisfragen hinzunahm. Dominicus und ebenso dessen Nachfolger, der Erfurter Universitätsprofessor Heinrich Rudolf Schorch (1777-1822), erweiterten das Archiv schließlich um den Mitgliederbriefverkehr, und für die Jahre ab 1825 finden wir selbst Unterlagen zum Haushalt der Sozietät.

Unklar bleibt für die gesamte Zeit der Unterbringungsort des Archivs. Für das 19. Jahrhundert wird man eine gemeinsame Lagerung der Bücher und Akten annehmen können, da es unwahrscheinlich ist, daß die Sekretäre den immer umfangreicher werdenden Archivbestand zu Hause aufbewahrten. Letzteres betraf wohl nur den aktuellen Aktenbestand, also die Schriften die während des eigenen Sekretariats anfielen und die später an den Nachfolger übergeben bzw. dem Archiv eingefügt wurde. Eine Änderung trat erst unter dem Akademiesekretär Theodor Steudel (1891-1945) ein, in dessen Amtszeit die Übergabe (1926/ 27) der Bibliothek und des Archivs zur Verwahrung an die Erfurter Stadtbücherei erfolgte. Während die Bibliothek später leider in ihrem Zusammenhang aufgelöst und in die Bestände der heutigen Stadt- und Regionalbibliothek eingearbeitet wurde, blieb das Archiv als Depositum der Akademie (Bestand C. E. 2° 108m: Handschriftliches Material der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, Abt. 1-11, 2°) in seiner ursprünglichen Größe erhalten, wurde teilweise paginiert und insgesamt mit neuen Signaturen versehen, wobei die nach 1819 benutzten Signaturen teilweise noch auf den alten Einbänden vermerkt sind und mit denen aus dem Handschriftlichen Aktenverzeichnis der königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt übereinstimmen.

Das gegenwärtig vom Stadtarchiv Erfurt aufbewahrte alte, 126 Bände (etwa 4 lfm) umfassende Archivbestand "Altes Archiv" besitzt einen zeitlichen Umfang von 1754 bis 1926 und ist in 11 Abteilungen aufgeteilt. Sieht man von den oben aufgezeigten Lücken für das 18. Jahrhundert ab, so beinhalten die Archivbestände die Korrespondenz der Akademie und ebenso die Vortrags- und die Senatssitzungsprotokolle des genannten Zeitraumes sowie Akten mit Umlaufschreiben, "Sekretariatsangelegenheiten" und Preisfragen, weiterhin eine Reihe von Vorträgen, Abhandlungen und Preisschriften, und endlich Mitgliederlisten, Bibliothekskataloge und Unterlagen zum Haushalt. Bestandteile des Depositums sind weiterhin die erst 1833 durch Fr. Rumpel in Wundersleben bei Sömmerda (Kr. Weißensee) wiederentdeckte Stiftungsurkunde von 1754 und einiger Schriftwechsel mit den kurmainzischen Landesbehörden aus der Gründungszeit und den Jahren 1757-1778 sowie die Akten z.B. für den Beginn des Gewerbe-Vereins 1827 oder für den Journal-Lesezirkel (1824-1839) sowie die Briefe von vielen hundert Akademiemitgliedern. [Vgl. Jürgen Kiefer: Übersicht über das Schriftgut der "Akademie nützlicher (gemeinnütziger) Wissenschaften" zu Erfurt (1754-1945).]

Mit der Deponierung der alten Akten in der Stadtbibliothek war eine allgemeine Nutzung auch für die interessierte Bevölkerung möglich geworden. Leider endet mit dem Jahr 1926 auch der Bestand eigener Akten. Nach der Übergabe des alten Schriftgutes bewahrte Steudel, der in den Kriegsjahren mit Hans Wiedemann (1888-1959) eine Vertretung für sein Amt fand, die neuanfallenden Akten, Protokolle und Korrespondenzen wohl wieder in seinem privaten Umfeld auf, wo sie schließlich bei einem Bombenangriff kurz vor Kriegsende vernichtet wurden. Sieht man einmal von den Akademiepublikationen und zwei im Erfurter Stadtarchiv lagernden Akten ab, die u.a. Schriftverkehr mit Behörden für die Jahre 1926-1939 enthalten, so lassen sich Quellenforschungen, allerdings durch den geschilderten Umstand erheblich beeinträchtigt, nur noch in den einschlägigen Staatsarchiven Berlin, Magdeburg, Mainz und Weimar/Gotha betreiben, wo die offiziellen Schreiben unter den Adressaten aufbewahrt werden.

Seit der Wiederaufnahme der Arbeit im Jahre 1990 baut die Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt am heutigen Standort Gotthardtstr. 21 aus den u.a. von alten Mitgliedern übergebenen Restbeständen und den neuen Archivalien einen zweiten, gegenwärtig 37 lfm umfassenden Archivbestand "Neues Archiv" auf, der nicht nur schriftliche Sachzeugen einschließt. In vier Abteilungen werden hier neben der Korrespondenz der Akademie seit 1989 und den Urkunden, den Sitzungsakten, den Unterlagen zur Mitgliederbewegung, zu den wissenschaftlichen Veranstaltungen, zum Akademieverlag, zu den Publikationsreihen - einschließlich der Originalmanuskripte -, zur Bibliothek und zum Haushalt, auch die Hinterlegungen und Nachlässe von Mitgliedern (1899, 1949-1999), ebenso die Sammlungen, z.B. von Münzen, Medaillen und Akademiedruckschriften (1819-1999), sowie schließlich das Bildarchiv (1754-1999) - darunter befinden sich ca. 650 Portraits als Papierpositive, Kupfer- oder Stahlstiche -, aufbewahrt und ständig ergänzt. Bei der Anlage dieses neuen Archivbestandes wurde in Fortführung der Tradition die Systematik und Signatur des alten Bestandes übernommen und entsprechend erweitert. Gleichfalls traditionell ist gegenwärtig noch die Betreuung des Archivs durch den gewählten Sekretar der Akademie, der für beide Bestände ein neues und aussagefähigeres Findbuch erarbeitet.

Das Archiv der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt gehört in Deutschland zu den wenigen Sammlungen, die die Geschichte einer wissenschaftlichen Institution aus drei Jahrhunderten belegen. Der Wert der Archivbestände liegt somit unzweifelhaft in der Einmaligkeit der Sachzeugen und sind für die Wissenschaftsgeschichte eine unschätzbare Quelle der Forschung, sei es für die Untersuchungen zur Weiterentwicklung alter und zur Herausbildung junger Wissenschaftsdisziplinen im 18. Jahrhundert, oder zu den von merkantilistischen und utilitaristischen Gedanken getragenen Bemühungen eines aufgeklärten, absolutistischen Staates eine prosperierende Wirtschaft zum Wohl der Gemeinschaft zu installieren. Ebenso finden sich interessante Dokumente zur Entwicklung von wissenschaftlichen Instituten, zur Aufgabe der Akademien über fast 250 Jahre hinweg und selbst zur Universitätsgeschichte. Fragen zur Struktur wissenschaftlicher Gesellschaften, zur Gelehrten- und Bücherwelt mit ihrer sich langsam veränderten Form der Anhäufung, der Verbreitung und des Austausch von Wissen, zur Wandlung von Forschungsprioritäten innerhalb der natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen über lange Zeiträume hinweg, zum Verhältnis des Staates zu den Wissenschaften und ihren Einrichtungen sowie zu den Akademien als Kommunikationszentren stehen dabei ebenso im Mittelpunkt der Untersuchungen. Relevanz gewinnen die Bestände auch durch die umfangreichen Hinterlegungen wissenschaftlichen Nachlässe von Einzelpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die, mittlerweile wichtiger Sammelschwerpunkt des Archivs, nicht nur ein Stück Zeitgeschichte belegen. Die Sichtung der in ihrer Thematik vielseitigen Schriftzeugnisse ist damit nicht nur für eine deutsche und europäische Akademiegeschichtsschreibung unerläßlich und wird seit Jahren von Wissenschaftlern betrieben.

Zu den wertvollsten Archivalien gehört - obwohl die Handschriften z.B. von Achard, Cuvier, Gay-Lussac, Gleditsch, Gneisenau, Herschel, Hufeland, den Gebrüdern Humboldt, Marggraf, Romé de l'Isle, Salzmann, Schiller oder Wilamowitz-Moellendorff fehlen - zweifellos die umfangreiche Autographensammlung, als wichtige Dokumente zur Personengeschichte. Dazu gehören natürlich Vortrags- und Publikationsmanuskripte der Mitglieder, der akademische Schriftverkehr aus den Hinterlegungen und insbesondere die Briefe von bekannten Wissenschaftlern und Geistesgrößen aus den Jahren 1754 bis 1999 im Archiv, darunter, um nur einige zu nennen, die Autographen des schweizer Physiologen Emil Abderhalden (1877-1950), des englischen Botanikers Sir Joseph Banks (1744-1820), des russischen Ministers und Militärs Michail Bogdanowitsch Fürst Barclay de Tolly (1761-1818), des Schriftstellers Ludwig Bechstein (1801-1860), des Mediziners und Nobelpreisträgers Emil von Behring (1854-1917), des Mediziners Otto Binswanger (1852-1929), des deutschen Reichskanzlers Otto Fürst Bismarck (1815-1898), des Marschalls Gebhard Leberecht Blücher, Fürst von Wahlstatt (1742-1819), des Gerichtsmediziners Johann Ludwig Casper (1796-1864), des französischen Chemikers und Ministers Jean Antoine Claude Chaptal, Graf von Chanteloup (1756-1832), des Botanikers Hugo Conwentz (1855-1922), des späteren Fürstprimas Karl Theodor Reichsfreiherr von Dalberg (1744-1817), des Philosophen und Nobelpreisträgers Rudolf Eucken (1846-1926), des Erziehungswissenschaftlers Wilhelm Flitner (1889-1990), des Schriftstellers Gustav Freytag (1816-1895), des Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), des Philologen Jakob Grimm (1785-1863), des Orientalisten und Äthiopisten Ernst Hammerschmidt (1928-1993), des Ministers Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822), des Kirchenhistorikers Adolf von Harnack (1851-1930), des Ministers Friedrich Christian Adolf von Motz (1775-1830), des Botanikers Christian Gottfried Nees von Esenbeck (1776-1858), des Geographen August Petermann (1822-1878), des Historikers Volker Press (1939-1993), des Pharmaziehistorikers Rudolf Schmitz (1918-1992), des Mediziners Bernhard Sigmund Schultze (1827-1919), des Ministers Carl Freiherr von und zum Stein (1757-1831), des Historikers Hans Tümmler (1906-1997), des Pharmazeuten Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837) oder des Botanikers Karl Ludwig Willdenow (1765-1812).

J. Kiefer, Jena

aus: Archive in Thüringen. Mitteilungsblatt 17/1999, S. 15-17.

 

 
 

Webadministration | IT Beratung & Support by KSDV CMS Template Design © by Office and IT